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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

KI und Unterricht22. August 2026

Fach- und Seminararbeiten in der Kursstufe?

Von Volker Wacker

Niedersachsen will Facharbeit und Seminarfach aus der gymnasialen Oberstufe streichen. Die Begründung ist ungewöhnlich offen: Die Facharbeit sei "angesichts technologischer Entwicklungen nicht mehr zeitgemäß". Generative KI wird dabei nicht ausdrücklich genannt. Der Zusammenhang liegt dennoch nahe. Denn genau sie hat die Bedingungen schriftlicher Eigenleistung in kurzer Zeit grundlegend verändert.

Textfassung ohne Bilder. Abbildungen finden Sie im verlinkten Originalartikel.

Der Verordnungsentwurf, der seit dem 20. August 2026 in Niedersachsen  in der Anhörung ist, geht weit über ein KI-Verbot hinaus. Facharbeit und Seminarfach sollen entfallen. Schulen können stattdessen ein Projektfach einführen. Hinzu kommen sogenannte "kombinierte Leistungsnachweise". Denkbar ist etwa eine Podiumsdiskussion, die geplant, durchgeführt und anschließend reflektiert wird. Solche Formate können klassische Klausuren ersetzen. Die ersten Abiturprüfungen nach dem neuen System sind für 2030 vorgesehen.

Das ist mehr als eine landespolitische Reform. Niedersachsen berührt damit eine Frage, die alle Oberstufen betrifft: Was beweist ein zu Hause entstandener Text noch über die Leistung desjenigen, dessen Name daruntersteht?

Der Text verliert seine Beweiskraft

Die Facharbeit beruht auf einer stillen Annahme: Wer einen anspruchsvollen Text selbstständig verfasst, hat recherchiert, geordnet, abgewogen und verstanden.

Genau diese Gleichung wird unsicher.

Generative KI kann Forschungsfragen präzisieren, Literatur zusammenfassen, Gliederungen entwerfen, Argumente entwickeln und Formulierungen verbessern. Sie kann einen schwachen Entwurf überarbeiten oder große Teile einer Arbeit erzeugen. Zwischen legitimer Unterstützung und ausgelagerter Denkarbeit liegen zahlreiche Abstufungen.

Das Problem ist nicht neu. Auch früher konnten Eltern helfen, Nachhilfelehrer korrigieren oder Texte aus dem Internet übernommen werden. Neu ist die Reichweite. Unterstützung ist jederzeit verfügbar, schnell und sprachlich kaum zuverlässig zu erkennen.

Damit verliert der fertige Text einen Teil seiner bisherigen Beweiskraft.

Niedersachsen reagiert darauf mit einem Systemwechsel. Die klassischen Formate sollen verschwinden und durch Projektfächer und kombinierte Leistungsnachweise ersetzt werden. Das ist nicht bloß eine Abschaffung. Es ist der Versuch, andere Formen von Leistung sichtbar zu machen.

Offen bleibt allerdings, ob diese Formate das Problem tatsächlich besser lösen. Eine Podiumsdiskussion, eine Präsentation oder ein Projekt können ebenfalls mit KI vorbereitet werden. Entscheidend ist deshalb nicht das neue Format an sich, sondern die Frage, wie Eigenständigkeit, Arbeitsprozess und Verständnis geprüft werden.

Baden-Württemberg hat bereits eine robustere Struktur

In Baden-Württemberg bleibt der Seminarkurs Teil der besonderen Lernleistung. Nach § 15 der Abiturverordnung umfasst er zwei halbjährige, in der Regel dreistündige Kurse, eine schriftliche Dokumentation und ein Kolloquium von etwa 20 bis 30 Minuten.

Die beiden Kurshalbjahre zählen zusammen 50 Prozent der Gesamtleistung. Die Dokumentation und das Kolloquium gehen jeweils mit 25 Prozent ein.

Gerade diese Konstruktion ist im KI-Zeitalter interessant. Anders als eine isolierte Facharbeit bewertet sie nicht nur ein Endprodukt. Über Monate können Themenfindung, Recherche, methodische Entscheidungen und Arbeitsfortschritt begleitet werden. Am Ende muss der Schüler seine Ergebnisse im Gespräch vertreten.

Allerdings zeigt die Gewichtung auch eine Schwäche des bestehenden Modells. Ausgerechnet das Kolloquium, das unter KI-Bedingungen besonders aussagekräftig sein kann, zählt nur ein Viertel.

Das wirft eine konkrete Reformfrage auf: Sollte die mündliche Verteidigung künftig stärker gewichtet werden?

Denn dort lässt sich prüfen, was ein fertiger Text immer schlechter erkennen lässt. Kann der Schüler seine Quellen begründen? Kann er Einwände beantworten? Kann er erklären, warum er eine bestimmte Methode gewählt hat? Erkennt er Schwächen seiner eigenen Argumentation?

Eine KI kann beim Schreiben helfen. Verständnis lässt sich im Gespräch sehr viel schwerer vortäuschen.

Bayern zieht eine andere Konsequenz

Bayern zeigt, dass die Antwort auf generative KI nicht Abschaffung heißen muss. Dort bleibt das W-Seminar erhalten. Schülerinnen und Schüler bearbeiten eine eigene Frage- oder Problemstellung und verfassen eine Seminararbeit. Das ISB versteht das W-Seminar weiterhin ausdrücklich als Brücke zur Hochschule.

Noch interessanter ist die Reaktion auf KI.

Bayern hat eine eigene Handreichung "Künstliche Intelligenz im Wissenschaftspropädeutischen Seminar" entwickelt. Das ISB empfiehlt zudem, dem Prüfungsgespräch nach der Seminararbeit größeres Gewicht beizumessen. Es sei ein wichtiger Indikator dafür, ob ein Schüler sein Thema tatsächlich eigenständig durchdrungen habe.

Damit stehen sich zwei Antworten auf dasselbe Problem gegenüber.

Niedersachsen verändert das Format. Bayern verändert die Prüfung innerhalb des Formats.

Die zweite Antwort hat einen entscheidenden Vorteil: Sie hält am wissenschaftspropädeutischen Anspruch fest. Denn die Fähigkeiten, die eine Fach- oder Seminararbeit eigentlich prüfen soll, werden durch KI nicht unwichtiger.

Im Gegenteil.

Wissenschaftliches Arbeiten wird wichtiger, nicht überflüssig

Ein Abiturient sollte eine anspruchsvolle Fragestellung über längere Zeit selbstständig bearbeiten können. Er sollte Quellen auswählen, Aussagen überprüfen, Widersprüche erkennen, Material ordnen und aus all dem eine begründete Position entwickeln.

Gerade weil KI diese Arbeit teilweise erleichtert, wird die Fähigkeit wichtiger, ihre Ergebnisse zu beurteilen.

Wer eine Quelle nicht kennt, kann nicht erkennen, ob eine KI sie falsch wiedergibt. Wer keine Argumentation versteht, kann eine plausible Scheinkonstruktion nicht von einer tragfähigen Begründung unterscheiden. Wer selbst nie längere Gedankengänge entwickelt hat, kann schwer beurteilen, ob ein maschinell erzeugter Text wirklich etwas sagt.

Die entscheidende Grenze verläuft deshalb nicht zwischen Arbeit mit KI und Arbeit ohne KI.

Sie verläuft zwischen verstandener und unverstandener Leistung.

Vom Produkt zum nachvollziehbaren Prozess

Eine zeitgemäße Facharbeit müsste deshalb anders bewertet werden als vor ChatGPT.

Das fertige Dokument bliebe wichtig. Es wäre aber nur noch ein Teil der Leistung.

Hinzu kämen verbindliche Zwischenstände: Forschungsfrage, erste Bibliografie, Gliederung, Quellenentscheidungen, Rohfassung, dokumentierte Überarbeitungen. KI-Nutzung müsste nicht grundsätzlich verboten werden. Sie müsste offengelegt werden.

Wer KI einsetzt, sollte erklären können, wofür.

Hat sie Literatur zusammengefasst? Eine Gliederung vorgeschlagen? Formulierungen überarbeitet? Gegenargumente gesucht?

Und vor allem: Was wurde übernommen, was verworfen und warum?

Damit würde aus der KI-Nutzung selbst ein Prüfgegenstand.

Am Ende müsste eine anspruchsvolle mündliche Verteidigung stehen. Nicht als kurze Präsentation des bereits Geschriebenen, sondern als echtes Prüfungsgespräch.

Dann müsste ein Schüler auch mit einer unerwarteten Frage umgehen können. Er müsste eine Quelle verteidigen, eine Alternative diskutieren oder eine Schwäche seiner Arbeit erklären.

Genau dort wird Denken sichtbar.

Praxistipp

Für bestehende Seminarkurse lässt sich diese Prüfungslogik schon heute verschärfen. Drei oder vier verbindliche Zwischenstände dokumentieren den Arbeitsprozess. Zu jedem Termin erläutern die Schüler kurz Quellenwahl, offene Probleme und gegebenenfalls ihre KI-Nutzung. Im abschließenden Kolloquium sollten nicht nur Ergebnisse präsentiert werden. Entscheidend sind gezielte Nachfragen zu verworfenen Ideen, methodischen Entscheidungen, Quellen und möglichen Gegenargumenten.

Ein KI-Detektor versucht herauszufinden, wer einen Satz geschrieben hat.

Ein gutes Kolloquium prüft, wer ihn verstanden hat.

Quellen und Literatur

  • Land Baden-Württemberg: Abiturverordnung Gymnasien der Normalform (AGVO), § 15 "Besondere Lernleistung". Landesrecht Baden-Württemberg

  • Niedersächsisches Kultusministerium (20.08.2026): Verordnung für Oberstufe und Abiturprüfung geht in die Anhörung. Veröffentlichung bei Bildungsklick

  • Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern: Das Wissenschaftspropädeutische Seminar (W-Seminar) im neunjährigen Gymnasium. ISB Bayern

  • Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern (2025): Kontaktbrief Oberstufe 2025. Hinweise zum W-Seminar und zur Bedeutung des Prüfungsgesprächs. ISB Bayern