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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

KI und Unterricht2. August 2026

Webseite nur durch Sprachbefehle und was daraus folgt

Von Volker Wacker

Wie in fünf Tagen per Sprache ein vollständiger Fachblog entstand - und warum dieses Experiment mehr über die Zukunft der Webberufe sagt als viele Prognosen.

Textfassung ohne Bilder. Abbildungen finden Sie im verlinkten Originalartikel.

Ich kann kein HTML schreiben, kein CSS gestalten und kein Contentmanagementsystem programmieren. Trotzdem entstand vom 27. Juli bis zum 1. August 2026 unter www.ki-bildung-schule.de eine neue, öffentlich erreichbare Website - die Seite, auf der Sie diesen Artikel lesen.

Eine Präzisierung gehört an den Anfang: Die rund 200 veröffentlichten Beiträge wurden nicht in diesen fünf Tagen geschrieben. Sie entstanden im Verlauf von drei Jahren, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, aber unter meiner redaktionellen Verantwortung. Für den neuen Blog wurden sie aus einer auf Padlet geführten Sammlung übernommen.

Neu entstanden die Website, ihre Gestaltung und ihre technische Infrastruktur: eine eigene Domain, eine responsive Navigation, ein durchsuchbares Archiv, Rubriken, Schlagwörter, RSS, Druck- und PDF-Funktionen, verwandte Beiträge, Rechtstexte sowie ein geschütztes Redaktionssystem mit Mediathek.

Sprache ersetzt Syntax, nicht Urteil

Ich schrieb dafür keinen Programmcode. Ich sagte ChatGPT, was ich benötigte: "Der Redaktionslink soll nur für mich sichtbar sein." Oder: "Auf dem Smartphone muss sich das Menü durch Tippen außerhalb schließen." Aus dem Wunsch "Die ausgewählten Beiträge möchte ich im CMS per Ziehen ordnen" entstand eine Sortierfunktion.

Der KI-Agent übersetzte solche Beschreibungen in Gestaltung, Code und technische Abläufe. Ich prüfte die Ergebnisse, markierte Fehler mit Screenshots und diktierte Korrekturen. Aus Sprache wurde eine Arbeitsoberfläche.

Genau dafür ist ChatGPT Sites vorgesehen. OpenAI beschreibt den Dienst als integriertes System zum Erstellen, Testen, Hosten und Veröffentlichen von Websites. Auch Speicher- und Datenbankfunktionen können eingebunden werden. Eine eigene Domain lässt sich über DNS-Einträge verbinden. "Ohne Hoster" wäre dennoch ungenau: Das Hosting verschwindet nicht, sondern wird von Sites übernommen. Der Nutzer muss keinen eigenen Server und keinen gesonderten Veröffentlichungsprozess einrichten.

Zur Entwicklung gehörte außerdem die Vorbereitung der Google-Indexierung. Die Domain musste in der Search Console bestätigt, eine Sitemap eingereicht und die Erfassung einzelner Seiten kontrolliert werden. Veröffentlichung und Indexierung sind zwei verschiedene Vorgänge. Auch eine technisch erreichbare Website erscheint nicht automatisch in den Suchergebnissen.

Fünf Tage sind keine Agenturrechnung

Eine genaue Arbeitszeit habe ich nicht erfasst. Der dokumentierte Zeitraum umfasst knapp fünf Tage, gearbeitet wurde mit Unterbrechungen. Nach meiner Schätzung hätte eine Agentur für Konzeption, visuelles System, responsives Frontend, CMS, Medienverwaltung, Zugriffsschutz, Datenimport, Tests und Veröffentlichung etwa 50 Fachstunden ansetzen können.

Der Freelancer-Kompass 2026 nennt für den deutschsprachigen Markt einen durchschnittlichen Stundensatz von 103 Euro. Rechnerisch entsprächen 50 Stunden damit rund 5150 Euro. Diese Zahl ist keine nachträgliche Preisermittlung. Eine Agentur hätte möglicherweise mehr oder weniger Stunden benötigt, andere Werkzeuge eingesetzt und zusätzliche Prüfungen angeboten.

Auch die Qualität darf nicht allein von jener KI bewertet werden, die an der Seite mitgearbeitet hat. Der Blog besitzt eine klare redaktionelle Hierarchie, eine eigenständige Gestaltung, eine funktionierende Mobilansicht und ein umfangreiches CMS. Für eine Gleichsetzung mit professioneller Agenturarbeit fehlen jedoch unabhängige Prüfungen der Barrierefreiheit, IT-Sicherheit, Browserkompatibilität, Wartbarkeit und rechtlichen Belastbarkeit.

Der Selbstversuch belegt deshalb nicht, dass ein Laie in fünf Tagen zum Webentwickler wird. Er zeigt, dass ein fachlich versierter Nutzer heute Ergebnisse herstellen kann, für die er bislang technische Vermittler benötigte.

Unter Druck gerät das standardisierbare Mittelfeld

Die wirtschaftliche Wirkung solcher Systeme besteht nicht darin, komplette Berufe auf einen Schlag zu beseitigen. Zunächst sinkt der Aufwand für standardisierbare Leistungen: einfache Landingpages, Layoutvarianten, Routinecode, Inhaltsmigrationen, Bildanpassungen und technische Grundkonfigurationen.

Für Webdesigner, Entwickler und kleine Agenturen verschiebt sich dadurch der Wettbewerb. Kunden können erste Fassungen selbst erzeugen. Reine Ausführung wird leichter vergleichbar und gerät unter Preisdruck. Wertvoller werden dagegen Leistungen, die sich schwer vollständig beschreiben oder automatisch prüfen lassen: Informationsarchitektur, Markenentwicklung, komplexe Schnittstellen, Sicherheit, Barrierefreiheit, Datenschutz und langfristige Wartung.

Besonders heikel ist der Berufseinstieg. Viele Berufsanfänger lernten bisher an überschaubaren Routineaufgaben. Wenn KI gerade diese Arbeiten übernimmt, könnte ein Teil der bisherigen Ausbildungspipeline verschwinden. Unternehmen müssten dann neue Wege finden, wie Nachwuchskräfte Erfahrung sammeln und die Fähigkeit zur Qualitätskontrolle entwickeln.

Die Forschung warnt allerdings vor einfachen Produktivitätsversprechen. Brynjolfsson, Li und Raymond untersuchten 5172 Beschäftigte im Kundendienst. Der 2025 veröffentlichte Fachaufsatz ermittelte mit KI-Unterstützung durchschnittlich 15 Prozent mehr bearbeitete Fälle pro Stunde; besonders deutlich profitierten weniger erfahrene Mitarbeiter.

Ein anderes Bild ergab eine METR-Studie von 2025. In dem Versuch benötigten 16 erfahrene Open-Source-Entwickler mit damaligen KI-Werkzeugen 19 Prozent mehr Zeit. METR betonte selbst, dass dieses Ergebnis nur für die untersuchte Gruppe, ihre eigenen großen Softwareprojekte und die damaligen Systeme gilt. Eine Nachfolgeuntersuchung deutete 2026 zwar stärkere Produktivitätsgewinne an, ließ wegen erheblicher Auswahlverzerrungen aber keine belastbare Größenangabe zu.

Der Nutzen hängt demnach von Aufgabe, Werkzeug, Erfahrung und Qualitätsanforderung ab. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass weltweit etwa jeder vierte Arbeitsplatz in irgendeinem Umfang generativer KI ausgesetzt ist. Sie erwartet überwiegend eine Veränderung von Tätigkeiten, nicht deren vollständige Automatisierung.

Neue Gestaltungsmacht, neue Abhängigkeit

Der Blog zeigt beide Seiten dieser Entwicklung. Publizistische Erfahrung, vorhandene Inhalte und ein klares Urteil konnten ohne Programmierkenntnisse unmittelbar in eine digitale Publikationsplattform übersetzt werden. Das erweitert die Handlungsmöglichkeiten von Einzelpersonen, Schulen, Vereinen und kleinen Unternehmen.

Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Plattformen, deren technische Entscheidungen, Preise und Nutzungsbedingungen der Anwender nicht kontrolliert. Wer den erzeugten Code nicht versteht, erkennt Sicherheitsprobleme, technische Schulden und Abhängigkeiten oft erst, wenn etwas ausfällt. Niedrige Einstiegshürden beseitigen die Verantwortung nicht.

Die entscheidende Veränderung liegt deshalb nicht darin, dass Maschinen Websites bauen. Fachliche Kompetenz kann heute ohne den bisherigen technischen Übersetzungsapparat schneller produktiv werden. Wer Ziele präzise formuliert, Varianten beurteilt und Fehler erkennt, gewinnt Gestaltungsmacht. Wer nur ausführt, gerät stärker unter Druck. Und wer weder prüfen noch entscheiden kann, produziert mit KI vor allem eines: schneller ungeprüfte Ergebnisse.

Quellen und Literatur

  • Becker, Joel; Rush, Nate; Barnes, Beth; Rein, David (2025): Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity. METR. Studie und Methodik.

  • Brynjolfsson, Erik; Li, Danielle; Raymond, Lindsey (2025): Generative AI at Work. In: The Quarterly Journal of Economics, 140 (2), S. 889-942. DOI: 10.1093/qje/qjae044.

  • Freelancermap (2026): Freelancer-Kompass 2026. Nürnberg: Freelancermap. PDF.

  • Gmyrek, Pawel; Berg, Janine; Kamiński, Karol; Konopczyński, Filip; Ładna, Agnieszka; Nafradi, Balint; Rosłaniec, Konrad; Troszyński, Marek (2025): Generative AI and Jobs: A Refined Global Index of Occupational Exposure. ILO Working Paper 140. Genf: International Labour Organization. DOI: 10.54394/HETP0387.

  • METR (2026): We Are Changing Our Developer Productivity Experiment Design. Methodische Aktualisierung vom 24. Februar 2026.

  • OpenAI (2026): Sites. Build and share hosted sites in ChatGPT. Produktdokumentation. Abruf am 8. August 2026.

Das Video ist im Originalartikel verfügbar.
Das Video ist im Originalartikel verfügbar.